soll ich mein Hotel verkaufen?

So der Titel einer Partnerannonce im Zeit Magazin. Diese Radikalität ist gut, diese Radikalität gefällt mir, dachte ich, aber ich habe mich nicht auf die Anzeige gemeldet.
Ich bin schließlich selbst Hotelier und betreibe seit einigen Jahren erfolglos ein Insektenhotel auf meinem Fensterbrett, das ich niemals aufgeben werde.

Hotelier ist ein halbwegs angesehener Beruf, und wenn ich kein Hotelier mehr bin, was bin ich dann? 1 Email-Romancier? 1 hocherotische Sensation?
Am Ende des Tages sind wir bloß 1 Rosine in 1 Hefeteig, der langsam aufgeht. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Genau so ist es auch mit Beton.

In den 1970ern wurde zum Beispiel die Großwohnsiedlung Mümmelmannsberg aus Beton gegossen.
Das liegt in Billstedt, und dort war ich letzten Mittwoch zur Akupunktur.
Es gibt schönere Orte, um Wein zu verkosten oder Café zu trinken und auch ein Tennisarm ist dort eher ungewöhnlich. Denn Hamburg-Billstedt ist weniger für seine Tennisszene bekannt, wenn ihr versteht, was ich meine.

Frau Zhangs Praxis war in einer Mittwochs geschlossenen HNO-Praxis. Shop in Shop, ein modernes Konzept aus dem Internet. Es gab auch einen Pommesstand und eine Hundeklappe. Hier ein Foto vom Fahrstuhl.

– Handyarm, erklärte ich Frau Zhang, ich hab Handyarm links. Hab mein Handy geflasht und da war ein Handyarm dabei.
– Sie mein Selfie-Stick?
– Nein Handyarm. Mit rechts trink ich Tee, mit links adde ich jeden, den ich kenn.
– Kribbeln im klein Finger?
– Manchmal.
– Und Maus, im Büro?
– Rechts.
Sie machte sich ihre Notizen auf einem alten Pizzakarton, nein, stimmt nicht, auf einem linierten Block und sagte, das ist sehr gut mit Akupunktur. Sehr gut.

Ich machte mich obenrum frei und legte mich auf die Liege. Frau Zhang holte die Nadeln aus dem Schrank, aus ihren Verpackungen, und, das stimmt zwar nicht, aber durch einen Strohhalm als Blasrohr feuerte sie mir die Nadeln aus mehreren Metern Entfernung in den Arm und die Schulter. Dabei hatte sie an jede Nadel ein kleines, in Benzin getunktes Wollknäuel geknotet, das sie mit einem Streichholz entzündete, bevor sie die Nadeln abschoss.

Von 9 brennenden Nadeln trafen alle ihr Ziel und ich war beeindruckt, als die letzte Nadel meinen Ohrläppchen-Meridian traf und Teile meines Haupthaares in Flammen setzte.

Why not?, dachte ich mir, aber jedes Mal können wir das nicht machen, sagte ich dann auch Frau Zhang. Und ich erzählte ihr von Simson, der unbezwingbar war, solange er langes Haupthaar trug, bis ich bemerkte, dass Frau Zhang mich im Zimmer allein gelassen hatte.

Nach einer handvoll Minuten kam sie zurück, tickte die glühenden Nadeln kurz an und verschwand wieder. So ging das drei mal und beim letzten Mal war ich schon fast eingeschlafen.
Müde?, fragte Frau Zhang und ich antwortete Oui, weil ich mich in den Sommer an die Cote d’Azur geträumt hatte, eine kleine Flasche Mandelöl in der Hosentasche, für die Sonnenliege aus Akazienholz.

Eigentlich, dachte ich, ist Billstedt gar nicht so übel. Mit Nadeln kennt man sich aus.

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