Nachwuchs in der Wurmkiste: Erdwin

Ich war privat im Zoo, in Hagenbecks Tierpark in Hamburg.
Für die Ausstellung der Eskimofamilie kam ich zwar 100 Jahre zu spät, aber ich durfte der Geburt eines Meerschweinches beiwohnen.

Das hat mich total überrascht, weil ich Meerschweinchen immer einfach nur hingenommen habe, ohne zu hinterfragen, wo kommen sie überhaupt her? Doch hier wurde vor meinen Augen ein klitzekleines Meerschweinchen im Stroh geboren.

Toll!
Und die Mami schleckte das Blut ab, damit das Orang-Utan-Gehege nicht Wind davon bekam. Denn Orang Utans essen gerne auch mal Fleisch. Mit Fell. Das habt ihr nicht gewusst, oder?

Diese Geburt – ein gutes Omen.
Wenige Tage darauf sollte es den ersten Nachwuchs in meiner Wurmkiste geben!

Auch wenn einige für Mattschias waren, bekam er den Namen Erdwin.
Erdwin war bei Geburt 0,7 cm lang und 0,2 Gramm schwer. Sohn und Vater sind wohlauf. Ja, Vater, denn bei den Regenwürmern werden die Jungtiere von den Männern geboren. Also das Ei gelegt. Plopp.
Damit ist es anders, als bei den Menschen, als bei mir, wo die Kinderärztin mich überhaupt nie anschaut, sondern immer nur die Mutter, wenn sie über die Tochter spricht.

Hallo, muss ich das nächste Mal wohl sagen, hallo, ich bin nicht nur die Reservebatterie, der Notnagel, der Händchenhalter in diesem Rudel! Ich bin inhaltlich und empathisch voll verfügbar.

Hallo, genau, ja, ich!

Die empathische Arbeit in dieser Gesellschaft, der Struggle, wird längst nicht nur von den Frauen erledigt, erkläre ich, und breche in Tränen aus. Und während mir Tränen über mein Jazzgesicht laufen, erklingt ein ganz trauriger Ton, der traurigste Ton der Welt, der nur von Elefanten gehört werden kann, denen man die Stoßzähne abgesägt hat und die in Thailand mit einer Kette um den Hals Sonnencreme-verschmierte Touristen durch den Wald tragen müssen.

Dieses Bild möchte ich kurz einwirken lassen.

Gut.

Erdwin und sein Vater sind den Umständen entsprechend wohlauf.
Sie haben sich mittlerweile in die Wellpappe des Pizzakartons zurückgezogen, den ich regelmäßig in die Wurmkiste gebe, und erholen sich von den Geburtsstrapatzen. Erdwin lag erst falsch herum im Ei und die Geburtshelfer hatten versucht, das Ei um ihn herum in die richtige Position zu drehen, während sich Erdwin nicht drehen sollte.
Und während sie noch darüber nachdachten, wie sie das anstellen sollten, war es schon geschehen: Das Ei beulte sich an einer Stelle wie der Deckel eines faulen Joghurts und Erdwin drückte sich aus dem Ei, direkt mit einer Schultüte im Maul, auf der stand Meine erste Entbindung.

Von mir, der weißen, wunderschönen Hand, bekam Erdwin einen Wattebausch geschenkt. Der ist Kuscheln und Naschen in 1. Dann imaginierte ich den traurigsten Ton der Welt, die Elefanten in Thailand, und ließ einige Tränen in den Wattebausch kullern.

Da schaut Erdwin hoch zu mir und sagt:
Meter. Das Schlechte am Wurmsein ist, man sieht es uns nicht an, wenn wir traurig sind.

Lache und die Welt lacht mit dir!

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