Vater werden

Vor einigen Tagen wurde meine Tochter 1 und ich fühle mich noch immer, als wurde ich, wie einst Michael Staade, gut beleuchtet auf einem Zebrastreifen überfahren. Nur nicht von einem LKW, sondern von einem schreienden Kleinkind im Bobbycar.

Dies ist ein gestelltes Foto für mein Konto bei iStockphoto.
(father, relaxed, reading, sleeping child, hammock, summer, pizza)

Was uns verbindet ist Gute Nacht Gorilla. Ihre Lieblingsseite ist eine komplett schwarze Doppelseite, auf der einzig zwei ins Dunkle schauende Augen zu sehen sind.

Was soll ich davon halten?
Wenn sie selbst blättern darf, blättert sie immer diese Doppelseite auf und freut sich total.
Ich hoffe es ist Humor und nicht die Hand-Fuß-Mund-Krankheit. Am KITA-Eingang steht auf einem Zettel immer welche Krankheit zur Zeit aktuell ist. Wir haben: Würmer.

Bevor ich Vater wurde, habe ich mich hauptsächlich um Zimmerpflanzen gekümmert. Mir wurde klar: Ich habe ja gar keine Ahnung. Zimmerpflanzen schreien, kacken und bewegen sich nicht. Ab und zu hängen die Blätter runter, dann gibt’s halt Wasser. Job done.

Wenn meine Tochter schreit, gibt es viele Möglichkeiten. Einer ist tatsächlich Langeweile und ich frage mich, warum ich selbst nicht auch häufiger vor Langeweile schreie. Aber: Sie schreit manchmal auch, wenn sie kackt und manchmal kackt sie, wenn sie schreit – das wiederum möchte ich nicht imitieren, andererseits…äh ne haha.

Natürlich hatte ich auch schon Mordgedanken.

Einfach durchs Fenster raus mit dem Scheisskind, wenn es schreit, gegen die Wand klatschen oder zack den Balkon runter, wegwegweg. Das ist ein sehr interessantes Gefühl, going some different place emotionally, eine Mischung aus Frust, Wut, Liebe, Zuneigung, Müdigkeit und Würmern. Ja, man darf die Würmer nicht vergessen.
Wenn ihr das Gefühl in Ansätzen nachempfinden wollt, folgende Frage: Habt ihr für 2016 schon eure Steuererklärung gemacht? Genau. Etwas sehr unangenehmes verbunden mit der vagen Hoffnung, etwas zurückzubekommen.

Pädagogisch gehe ich sehr einfach vor.
Mein Ansatz besteht darin, eine phänomenale Beziehung aufzubauen, um nicht mit schwarzer Pädagogik wie positiver Bestärkung oder meinem grandios-bösen Blick arbeiten zu müssen. So lasse ich mir auch mal die kleinen Finger in die Nase stecken, bis es blutet, trage sie um die komplette Außenalster (10,1 Kilogramm x 7,4 Kilometer =  3000 Schmerzen) nur damit sie entspannt einschlafen kann oder krabbel ungelenk durch die Wohnung bis meine Knie schmerzen. Dabei erfuhr ich: Kleinkinder haben noch keine Kniescheiben. Tja. So wird man gelinkt.

Um mich pädagogisch aufzuleveln lese ich ein Buch mit dem Titel Unconditional Parenting.
Elterliche Liebe soll demnach kein Privileg sein, das man sich erarbeitet (was?!), sondern ein Geschenk, eine Gabe. Auf diesen Newsletter trifft das ebenfalls zu – ihr habt es sicher schon bemerkt.
Ihr müsst nichts dafür tun, ihr könnt quengelnd ins Bett, beim Essen einfach aufstehen, den euch nahestehenden Personen, wenn diese am Morgen noch halbschlafend im Bett liegen, zum Aufwachen aus nächster Nähe mit Stückchen ins Gesicht niesen und trotzdem kommt dieser Newsletter in eure Inbox. Unconditional.

Um euch nun abschließend mit einem warmen Gefühl in euren tristen Alltag zu entlassen, möchte ich euch erzählen, das in der KITA-Gruppe meiner Tochter ein anderes Kind (Sophie, Alexander, Max, Jospehine oder so) jeden Freitag von seinem Mundharmonika-spielenden Opa abgeholt wird.
Schon ab Mittags warten im Türbereich alle Kinder aufgeregt auf diesen Opa mit seiner Mundharmonika, der sich von so vielen leuchtenden Kinderaugen nicht zweimal bitten lässt, ein kurzes Konzert zu geben.

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